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Olympische und Paralympische Spiele: Was wir schon auf dem Weg dorthin bewegen können

Deutschland bewirbt sich mit München um Olympische und Paralympische Spiele 2036, 2040 oder 2044.

Für mich verbindet sich damit eine Frage, die weit über die Ausrichtung eines Sportgroßereignisses hinausgeht: Wie nutzen wir die Aufmerksamkeit und Dynamik dieser Bewerbung, um Sport und Bewegung in Deutschland dauerhaft weiterzuentwickeln? Die Antwort darauf beginnt nicht erst mit einem möglichen Zuschlag.

Eine Bewerbung mit Wirkung weit über die Spiele hinaus 

Seit unserer außerordentlichen Mitgliederversammlung am 26. September steht fest, mit welchem Konzept Deutschland international ins Rennen geht: München ist der deutsche Bewerber für Olympische und Paralympische Spiele 2036, 2040 oder 2044.

Mich beschäftigt besonders, was auf dem Weg dorthin entstehen kann. Denn wenn Deutschland sich um Olympische und Paralympische Spiele bewirbt, sollte es nicht allein darum gehen, unter welchen Bedingungen wir eines Tages hervorragende Spiele ausrichten können. Es geht auch um die Frage, was diese Bewerbung für die Entwicklung von Sport und Bewegung im ganzen Land auslösen kann. 

Darin liegt für mich ihre große sportentwicklungspolitische Chance. Olympische und Paralympische Spiele schaffen Aufmerksamkeit, bündeln Kräfte und können Entscheidungen beschleunigen. Sie können Menschen begeistern, Investitionen anstoßen und Themen auf die politische Agenda bringen. Aber aus Aufmerksamkeit entsteht noch keine nachhaltige Wirkung. Entscheidend ist, wofür wir diese Dynamik nutzen. 

Deshalb sollten wir die Bewerbung nicht als zusätzliche Sportstrategie verstehen. Wir sollten sie als möglichen Beschleuniger für das begreifen, was wir ohnehin gemeinsam erreichen wollen. 

Wenn sich Deutschland um Olympische und Paralympische Spiele bewirbt, sollte es nicht allein darum gehen, unter welchen Bedingungen wir hervorragende Spiele ausrichten können. Es geht auch um die Frage, was diese Bewerbung für die Entwicklung von Sport und Bewegung im ganzen Land auslösen kann.

– Michaela Röhrbein

Sport entsteht nicht von selbst 

Der organisierte Sport bringt dafür eine enorme Stärke mit. Millionen Menschen treiben in Vereinen Sport, übernehmen Verantwortung und schaffen Angebote für andere. Wir brechen einen Mitgliederrekord nach dem nächsten und steuern auch in diesem Jahr auf das nächste Hoch zu. Mehr als acht Millionen Menschen engagieren sich ehrenamtlich und freiwillig im Sport.

Das ist eine enorme gesellschaftliche Leistung – aber keine Selbstverständlichkeit. 

Ein Sportangebot findet statt, weil jemand eine Trainingsgruppe übernimmt. Ein Verein entwickelt sich, weil Menschen Verantwortung tragen. Kinder finden Zugang zu Bewegung, wenn qualifizierte Trainer*innen und Übungsleiter*innen da sind. Teilhabe gelingt dort, wo Angebote erreichbar und offen sind. Und all das braucht geeignete Hallen, Plätze, Schwimmbäder und Bewegungsräume. 

Diese Zusammenhänge sind entscheidend. Wir werden die großen Zukunftsfragen des Sports nicht lösen, wenn wir Engagement, Qualifizierung, Sportstätten, Bewegung, Teilhabe oder Vereinsentwicklung jeweils für sich betrachten. Kinder- und Jugendsport funktioniert dort, wo Vereine funktionieren. Vereine funktionieren dort, wo Menschen sich engagieren können, Räume zur Verfügung stehen, Qualifizierung möglich und Finanzierung verlässlich ist.

Sportentwicklung ist deshalb immer eine Systemaufgabe. 

Die Richtung ist bereits beschrieben 

Wir beginnen dabei nicht bei null. Mit den DOSB-Zielen 2035 hat der organisierte Sport einen gemeinsamen Orientierungsrahmen beschlossen. Sie verbinden mehr Bewegung und mehr Mitgliedschaften mit qualifizierten Menschen, modernen und erreichbaren Sportangeboten, internationaler Leistungsfähigkeit sowie sicheren, offenen und gesundheitsfördernden Vereinsstrukturen.

Genau darin liegt für mich die Verbindung zur Olympiabewerbung. 

Der Sportentwicklungsbericht und die Analyse zu den Zielen 2035 helfen uns zu verstehen, wo unsere Vereine und Strukturen heute stehen. Die DOSB-Ziele 2035 helfen uns, unser Handeln auszurichten. Und die Bewerbung um Olympische und Paralympische Spiele kann zusätzliche Energie, Sichtbarkeit und Umsetzungskraft schaffen, um diese Entwicklung zu beschleunigen.

Entscheidend ist, die Bewerbung nicht losgelöst von bereits gemeinsam gesetzten Zielen zu denken. Mit den DOSB-Zielen 2035 haben wir einen breiten strategischen Rahmen, an den weitere Impulse, Initiativen und auch zusätzliche Zielsetzungen aus dem Bewerbungsprozess und einer künftigen Legacy-Arbeit anknüpfen, aufbauen und sich zugleich weiter- oder neu entwickeln können. Die besondere Dynamik einer Bewerbung kann so dazu beitragen, bestehende Ziele schneller Wirklichkeit werden zu lassen und zugleich neue Entwicklungen anzustoßen, die diese Richtung ergänzen und verstärken.

Dann bemisst sich ihr sportentwicklungspolitischer Wert auch daran, ob dauerhaft mehr Menschen Zugang zu Sport und Bewegung finden. Ob Vereine ihre Angebote verlässlich weiterentwickeln können. Ob wir mehr Menschen für Engagement und Qualifizierung gewinnen. Ob Sporträume erreichbar, zeitgemäß, barrierefrei und klimafit werden. Und ob sichere und offene Strukturen die Voraussetzung dafür schaffen, dass wirklich unterschiedliche Menschen ihren Platz im Sport finden.

Entscheidend ist, was vor Ort ankommt 

Dafür müssen wir besonders auf die Orte schauen, an denen Sportentwicklung konkret wird: auf unsere Städte, Gemeinden und Landkreise. 

Nur einen Tag vor der außerordentlichen Mitgliederversammlung haben wir deshalb gemeinsam mit dem Deutschen Städtetag, dem Deutschen Städte- und Gemeindebund und erstmals auch dem Deutschen Landkreistag die neue Kooperationsvereinbarung „SPORT BEWEGT KOMMUNEN“ unterzeichnet.  

Diese Vereinbarung passt für mich unmittelbar in die Diskussion über die langfristige Wirkung einer Olympiabewerbung. Denn Kommunen entscheiden ganz wesentlich mit darüber, welche Sport- und Bewegungsräume zur Verfügung stehen, wie Sportstätten weiterentwickelt werden, wie Bewegung in Stadt- und Regionalentwicklung Eingang findet und unter welchen Bedingungen Vereine arbeiten können. Die Vereinbarung formuliert deshalb Sport und Bewegung ausdrücklich als kommunale Querschnittsaufgabe und verbindet Sportentwicklung unter anderem mit Bildung, Gesundheit, Teilhabe und kommunaler Entwicklung.  

Genau hier muss eine nationale Bewegung für Sport und Bewegung ankommen. Nicht nur an Austragungsorten. Nicht nur in den Jahren unmittelbar vor möglichen Spielen. Sondern in den Lebenswelten der Menschen – in Vereinen, Schulen und Quartieren, in Großstädten ebenso wie in ländlichen Räumen. 

Wenn uns das gelingt, können aus der besonderen Aufmerksamkeit einer Olympiabewerbung Strukturen entstehen, die langfristig tragen. Das wäre für mich ein entscheidender Maßstab. 

Ein Vermächtnis, das vor den Spielen beginnt 

Legacy wird häufig von den Spielen aus gedacht: Was bleibt, wenn die letzte Medaille vergeben und die Schlussfeier vorbei ist? 

Ich würde früher ansetzen. 

Ein gutes Vermächtnis beginnt nicht mit der Eröffnungsfeier. Es beginnt in dem Moment, in dem eine Bewerbung dazu führt, dass wir gemeinsame Ziele verbindlicher verfolgen, Investitionen klüger ausrichten, über Zuständigkeiten hinweg zusammenarbeiten und Sport und Bewegung stärker in den Mittelpunkt gesellschaftlicher Entwicklung rücken. 

Und genau deshalb darf diese Wirkung nicht vollständig davon abhängen, ob Deutschland am Ende tatsächlich den Zuschlag für Olympische und Paralympische Spiele erhält. 

Wenn wir es richtig angehen, kann bereits der Weg dorthin Sportdeutschland verändern. In unseren Unterlagen zur strategischen Weiterentwicklung haben wir diesen Anspruch sehr klar formuliert: Aus einer Bewerbung sollte mehr entstehen als ein Sportgroßereignis – eine Bewegung mit Wirkung in Vereinen, Kommunen und Ländern.  

Für mich entscheidet sich der Wert dieser Bewerbung deshalb nicht erst an einem künftigen Austragungsjahr. Er entscheidet sich auch daran, was wir bis dahin gemeinsam in Bewegung bringen – und was davon dauerhaft bleibt. 
 

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