„Ein guter Start in einen Marathon bedeutet nicht automatisch eine Bestzeit“
Nach der Wahl Münchens zum deutschen Bewerber für die Ausrichtung Olympischer und Paralympischer Spiele 2036, 2040 oder 2044 blickt Michael Mronz, Mitglied im IOC und im DOSB-Präsidium, auf den internationalen Bewerbungsprozess voraus.
DOSB: Michael, der nationale Auswahlprozess ist abgeschlossen. Welche Emotionen waren bei dir vorherrschend, als am Samstag in Baden-Baden München als deutscher Kandidat verkündet wurde?
Michael Mronz: Vor allem Freude über ein starkes Zeichen der Geschlossenheit. Sport, Wirtschaft und Politik haben – unabhängig vom finalen Kandidaten München – in Baden-Baden gemeinsam unter Beweis gestellt, dass sie hinter der Bewerbung stehen. Nicht nur München, ganz Deutschland will die Spiele. Das war das Signal, das aus der Olympischen Stadt Baden-Baden in die Welt gesendet wurde. Aber diese Freude ist mittlerweile schon wieder einer positiven Anspannung gewichen, denn der internationale Wettbewerb nimmt jetzt erst so richtig Fahrt auf.
Wie zufrieden bist Du mit der Auswahl der Delegierten?
Der DOSB hat mit dem Prozess der vergangenen Jahre eine sehr gute Grundlage für die Entscheidung von Baden-Baden gelegt. Gemeinsam mit den Bewerbern wurden vier Konzepte mit unterschiedlichen Stärken entwickelt, die allesamt ein sehr hohes internationales Niveau haben. Schlussendlich standen zwei davon zur Wahl. Die Delegierten haben sich mit deutlicher Mehrheit für München und somit für die kompakte Lösung entschieden. Neben dieser besonderen Kompaktheit, die vor allem in mehr als 90 Prozent der Athletinnen und Athleten in einem zentralen Olympischen Dorf sowie sehr kurzen Reisezeiten zu den Venues zum Ausdruck kommt, bringt das Münchener Konzept weitere Dinge mit, die in der weltweiten Olympischen Bewegung positiv zur Kenntnis genommen werden dürften. Alle Sportstätten sind vorhanden oder temporär und ermöglichen ein Ticketpotenzial von 15,3 Millionen Eintrittskarten. Hinzu kommt diese besondere Legacy der Spiele von 1972. Aber es gibt auch noch ein paar Punkte, an denen wir in den kommenden Monaten gemeinsam feilen müssen...
Zum Beispiel?
Wir müssen ein internationales Narrativ entwickeln, das dem gesamtdeutschen Anspruch der Bewerbung gerecht wird. Bei aller internationalen Strahlkraft Münchens geht es darum, der Welt aufzuzeigen, was Deutschland mit den Spielen erreichen will. Was ist die Geschichte, die wir der Welt mit den Spielen erzählen wollen, was bringen Spiele in München der Olympischen Bewegung weltweit? Und das möglichst bald. Aber ich bin überzeugt, dass wir das können. Ich bin deshalb dem bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder sehr dankbar, dass er direkt nach der Verkündung darauf hingewiesen hat, welch hohe Verantwortung München und der Freistaat Bayern durch diese Entscheidung jetzt für unser Land haben. Dass es vorrangig nicht um eine bayerische, sondern um eine deutsche Veranstaltung geht. Dennoch ist es wichtig, dass der weitere Prozess unter der Federführung des DOSB und der Stadt München auch beim Freistaat und der Bundesregierung eine Chefsache bleibt.
Nun fragen sich natürlich viele am Sport Interessierte, wie es weitergeht mit der deutschen Bewerbung. Was sind international die nächsten Schritte?
Der DOSB befindet sich bereits seit November des vergangenen Jahres im sogenannten kontinuierlichen Dialog mit dem IOC, wir sind seither offizieller Interessent für die Ausrichtung der Spiele 2036, 2040 oder 2044. Jetzt, da wir mit München eine Stadt ausgewählt haben, geht es intensiv weiter mit der Arbeit. Auf hauptamtlicher Ebene gibt es schon in den kommenden Wochen zahlreiche Workshops, und noch in diesem Jahr müssen wir das Konzept inklusive vieler Details meinen IOC-Kolleg*innen in der Future Host Commission präsentieren. Im Frühjahr 2027 wird das IOC dann entscheiden, welche Bewerber in den neu geschaffenen Strategic Dialogue aufgenommen werden. Diese strategische Phase soll den Austausch zwischen dem IOC und Bewerbern weiter vertiefen, auch um eine möglichst hohe Passfähigkeit mit den IOC-Zielen zu schaffen.
Deutschland bringt einiges mit an den Tisch, was für das IOC wichtig ist. Wir sind vertragstreu, leben in einem rechtssicheren Raum und sind als eine friedliche Demokratie immer noch die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt.
– Michael Mronz
Viele sagen, Deutschland wird auf jeden Fall in diesen Strategic Dialogue eingeladen.
Allein schon aus Respekt den anderen Bewerbern gegenüber wäre ich eher vorsichtig mit solchen Aussagen. Aktuell gibt es mehr als ein Dutzend Länder, die sich mehr oder weniger konkret um die Ausrichtung der Olympischen Sommerspiele bemühen. Darunter starke Bewerber aus Europa wie Ungarn und die Türkei. Hinzu kommt die Tatsache, dass es Regionen und Länder auf dieser Welt gibt, die noch nie die Spiele ausrichten durften. Beispielsweise der Nahe Osten, Indien oder Afrika. Ein internationaler Erfolg unserer Bewerbung oder schon die Aufnahme in den Strategic Dialogue für 2036 sind alles andere als ein Selbstläufer. Um diese Ziele zu erreichen, müssen wir als Nationales Olympisches Komitee gemeinsam mit unseren Partnern München, Bayern, aber natürlich auch dem Bund hart arbeiten und unter Wahrung der Autonomie des Sports weiterhin hier und da in der Welt verloren gegangenes Vertrauen wiederaufbauen. Um es mit einem Bild aus dem Sport zu beschreiben: Durch die Entscheidung von Baden-Baden hat das Rennen so richtig begonnen und wir haben wir einen ziemlich guten Start hingelegt. Wir sind die ersten Kilometer dieses Marathons in einer starken Zeit gelaufen. Damit am Ende des Rennens aber tatsächlich ein Erfolg, eine Bestzeit steht, müssen wir das Tempo konstant hochhalten.
Aber es ist kein hoffnungsloses Rennen für die deutsche Bewerbung?
Nein, im Gegenteil. Wir haben immer gesagt, wir bewerben uns nicht nur, um mitzuspielen, oder, um im Bild zu bleiben, mitzulaufen. Wir wollen das Rennen gewinnen. Einzig und allein dafür treten wir an. Und ich denke, wir haben durchaus eine Chance dazu. Meine deutsche IOC-Kollegin Kim Bui und ich werden auf unseren Reisen immer mehr auf unsere Bewerbung angesprochen. Es gibt also ein sehr großes Interesse an Deutschland. Denn Deutschland bringt einiges mit an den Tisch, was für das IOC wichtig ist. Wir sind vertragstreu, leben in einem rechtssicheren Raum und sind als eine friedliche Demokratie immer noch die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt. Und vor allem die Tatsache, dass Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Sport gleichermaßen geschlossen hinter der Bewerbung stehen, beeindruckt auch international. Es ist wichtig, dass wir diese Geschlossenheit auch weiterhin zeigen und noch besser international arbeiten, als das in den vergangenen Jahren möglich war.
Wie meinen Sie das?
Deutschland ist Weltmeister in der Ausrichtung von Weltmeisterschaften und anderen interkontinentalen Sportveranstaltungen. Kein Land der Welt hat zwischen 2005 und 2025 mehr von diesen Events ausgerichtet. Allein diesen Sommer gab es vier Weltmeisterschaften in olympischen Sportarten in unserem Land. Aber es ist uns bislang nicht so richtig gelungen, diese vielen Einzelveranstaltungen, die allesamt erfolgreich waren, auch dank internationaler Arbeit zu einem Erfolg für den Sportstandort Deutschland zu bündeln. Da müssen wir besser werden. Auch deshalb hat das Präsidium entschieden und dem Vorstand den Auftrag gegeben, eine „DOSB International GmbH“ zu gründen. Mit dem Ziel, die internationale Positionierung des deutschen Sports zu fördern, die deutsche Olympiabewerbung voranzubringen und Deutschland bei internationalen Veranstaltungen des Weltsports besser zu repräsentieren.
Ist Deutschland also endlich reif für Olympische und Paralympische Spiele?
Ich habe in den vergangenen Tagen zufällig im Radio zwei Universitätsprofessoren aus dem Ausland gehört, die sagten, dass der Auswahlprozess in Deutschland sehr professionell gewesen ist und eine deutsche Bewerbung beim IOC ganz vorne mitspielen wird. Wenn wir weiterhin unsere Hausaufgaben machen, mit einer Stimme sprechen und sympathisch für Olympische und Paralympische Spiele in Deutschland werben, bin ich hoffnungsvoll, dass sie recht haben könnten.
Viel Erfolg für die nächsten Schritte und vielen Dank für das Gespräch!







