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„Für uns steht im Vordergrund, dass die Spiele wieder nach Deutschland kommen“

In der Kolumne „The Athletes‘ Voice“ schildern Mitglieder der Athlet*innenkommission des DOSB ihre Sicht auf aktuelle Themen des Sports.

In Folge 5 ordnet Pia Greiten die Auswahl Münchens als Bewerber um die Ausrichtung Olympischer und Paralympischer Spiele ein.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und DOSB-Präsident Thomas Weikert posieren mit Athletinnen und Athleten vor dem Kurhaus Baden-Baden.

Geschichte wurde geschrieben am Samstagnachmittag in Baden-Baden, und für alle Mitglieder unserer Athlet*innenkommission war es eine Ehre, Teil dieser Veranstaltung gewesen zu sein. Auch wenn ich dafür meinen Urlaub unterbrechen musste, bin ich froh und dankbar, die Auswahl Münchens als Bewerber um die Ausrichtung Olympischer und Paralympischer Spiele im Zeitraum 2036 bis 2044 miterlebt zu haben. Für mich war dieser Tag im Kurhaus, das wir im Kreise der Athlet*innen als Ausrichtungsort für die Gala „Sportler des Jahres“ sehr schätzen, eine wunderbare Werbung für das, was wir in Deutschland schaffen können, wenn wir es gemeinsam angehen. Dieser Tag hatte so gar nichts von der Trockenheit einer deutschen Mitgliederversammlung, die Medienpräsenz war enorm, und mir hat das wieder einmal gezeigt, was für eine Strahlkraft das Thema Olympia entfesseln kann.

Oft wurde ich nach meiner persönlichen Präferenz gefragt oder danach, welches Konzept die Athlet*innen bevorzugt hätten. Dazu ein einheitliches Meinungsbild zu zeichnen, ist nicht möglich. Als es noch vier Kandidaten waren, hatten alle vier Konzepte ihre Befürworter*innen, und ich bin der Überzeugung, dass alle auch international Chancen gehabt hätten. Ich freue mich, dass wir nun einen klaren Kandidaten haben, mit dem der DOSB ins Rennen geht. Für uns Athlet*innen stand von Beginn des Prozesses im Vordergrund, dass Deutschland sich überhaupt bewirbt. Wir wollen die Spiele in unserem Land! Die Region, in der sie stattfinden, ist für uns nicht entscheidend. Es zählt zunächst, dass es gelingt, nach 1972 endlich wieder in unserem Land um Olympiamedaillen kämpfen zu dürfen. Es muss aber auch klar sein: Die Bewerbung soll den Spitzensport stärken und darf nicht von bestehenden Herausforderungen ablenken. Mögliche Spiele können und müssen notwendige Reformen beschleunigen und die Rahmenbedingungen für Athlet*innen verbessern. 

Zum ersten Mal würden dann auch Paralympische Spiele in Deutschland stattfinden. Seit sich das Internationale Olympische Komitee (IOC) und das Internationale Paralympische Komitee (IPC) vor 25 Jahren in einem Grundsatzabkommen darüber geeinigt haben, dass die Region, die Olympische Spiele austragen will, auch die Paralympischen Spiele austragen muss, sind die beiden untrennbar aneinandergebunden. Wir finden das nicht nur richtig und wichtig, sondern sehen darin auch für unser Land die Chance, Themen wie Inklusion und Barrierefreiheit durch die Spiele nachhaltig zukunftsfähig aufzustellen.

München setzt auf kompakte Spiele und das “One-Village-Konzept”

Das gilt auch für die Belange der olympischen Athlet*innen. München setzt auf kompakte Spiele, auf das „One Village“-Konzept, das so vielen Teilnehmenden wie möglich erleichtert, das Olympiafeeling zu erleben. Nach den Spielen von Paris 2024 wurde viel darüber gesprochen, wie sehr die Stadt involviert war und wie intensiv die Menschen daran teilhaben konnten, weil sich die Spiele in die Stadt eingefügt haben und nicht die Stadt sich den Spielen anpassen musste. Ähnliches Potenzial sehe ich auch in München. Die Stadt bietet einige ikonische Austragungsstätten, sie ist international nicht nur wegen der Spiele 1972, sondern auch wegen des Oktoberfests und des FC Bayern sehr bekannt. Bei den European Championships 2022 durfte ich selber erleben, wie begeisterungsfähig das Publikum sein und welchen Vibe ein solches Sportgroßevent in die Stadt bringen kann. Natürlich steht der Sport für uns Athlet*innen im Mittelpunkt, aber der Kontakt zur Bevölkerung ist ein ebenso wichtiger Aspekt, um das Gemeinschaftsgefühl, für das die Spiele stehen, erzeugen zu können. Ich bin sicher, dass in München eine großartige Atmosphäre herrschen wird.

Ohne jetzt Wasser ins Weißbier kippen zu wollen: Natürlich ist mir – und allen, die auf Heimspiele hoffen – klar, dass Baden-Baden nur der erste Schritt auf einem langen Weg war. Dass die Spiele nach München kommen, ist noch lange nicht gewiss. Es wird in den kommenden Jahren sehr viel Arbeit investiert werden müssen, um das Konzept international siegfähig zu gestalten. Aber wir sehen schon jetzt, was der nationale Auswahlprozess ausgelöst hat, welche Investitionen in den Sport angeschoben wurden, die ohne eine Bewerbung wahrscheinlich nicht in Gang gekommen wären. Die kommenden Jahre werden davon geprägt sein, dass wir gemeinsam Antworten auf die Fragen finden, was von Olympischen und Paralympischen Spielen bleiben soll für den Sport und für die Gesellschaft. Und auch, wie wir den Weg, der im äußersten Fall noch 18 Jahre dauern kann, ausgestalten, um ihn so gewinnbringend wie möglich zu beschreiten.  

Wir können jetzt dazu beitragen, dass in Deutschland eine neue "Generation Olympia und Paralympics" entsteht, indem wir einerseits mit unseren Leistungen andere inspirieren und andererseits darauf einwirken, die Belange von Athlet*innen, aber auch von Trainer*innen und allen im Leistungssport Tätigen stets mitzudenken.

– Pia Greiten

An dieser Stelle kommen wir ins Spiel, die Athletinnen und Athleten. Wir waren an der einen oder anderen Stelle in den nationalen Findungsprozess eingebunden. Aber diese Einbindung erfolgte eher punktuell, und das sollte sich gerade im Hinblick darauf, dass das IOC das Motto „Athletes first“ in den Mittelpunkt stellt, dringend ändern. Wir fordern deshalb einen ständigen Athlet*innenrat, der in alle Planungen eingebunden wird und eine neutrale, divers besetzte Instanz bildet, die bei allen Entscheidungen mit am Tisch sitzt und Mitspracherecht hat. Wir haben so unfassbar viel Erfahrung, weil wir Athlet*innen wissen, was es braucht, um auf dem Weg zu Olympischen und Paralympischen Spielen und letztlich auch bei den Wettkämpfen selbst erfolgreich zu sein. Diese Erfahrung wollen und sollten wir einbringen!

Für uns sind mehrere Aspekte entscheidend. Die Bewerbung braucht eine gemeinsame Zielsetzung. Es muss klar sein, welche sportlichen und gesellschaftlichen Ziele mit den Spielen verfolgt werden – und woran ihr Erfolg später gemessen wird. Inklusion muss immer mitgedacht werden. Integrität ist nicht verhandelbar: Fairness, Menschenrechte, Good Governance sowie verbindliche Safe-Sport-Standards müssen gewährleistet sein. Kosten, Risiken und Nutzen müssen transparent und nachvollziehbar sein. Die Spiele müssen ökologisch, sozial und wirtschaftlich nachhaltig geplant werden und langfristige Mehrwerte für Bevölkerung und Sport schaffen. Und die Gesellschaft muss fortlaufend informiert und beteiligt werden. Für all das werden wir uns einsetzen.

Den allermeisten von uns, die heute im Sport und in Athlet*innenvertretungen aktiv sind, ist bewusst, dass wir Heimspiele in München nicht mehr als Aktive erleben werden. Aber darum geht es nicht. Wir können jetzt dazu beitragen, dass in Deutschland eine neue „Generation Olympia und Paralympics“ entsteht, indem wir einerseits mit unseren Leistungen andere inspirieren und andererseits darauf einwirken, die Belange von Athlet*innen, aber auch von Trainer*innen und allen im Leistungssport Tätigen stets mitzudenken. Wir werden überall dort, wo es möglich ist, für Olympische und Paralympische Spiele in Deutschland werben, ob durch Worte oder durch Taten. Aber wir erwarten im Gegenzug, dass wir gehört werden und dass eine auskömmliche und gesicherte finanzielle Unterstützung Selbstverständlichkeit wird.

Große Hoffnung setze ich in den neuen Staatsminister

Große Hoffnungen setze ich in diesem Zusammenhang in Ronald Rauhe. Unser neuer Staatsminister für Sport und Ehrenamt hat als zweimaliger Olympiasieger im Kanurennsport in seinem Leben jede Erfahrung, auf die es im Leistungssport ankommt, selbst gemacht. Er weiß, was es braucht, um im Sport erfolgreich zu sein, und ich bin froh darüber, dass der Posten mit einem wie ihm besetzt wurde. Ich bin überzeugt davon, dass er den Sport nachhaltig verändern kann, indem er notwendige Reformen wie das Sportfördergesetz, das am vergangenen Freitag den Bundesrat passiert hat, mit der ihm eigenen Durchsetzungsfähigkeit umzusetzen versucht. Wir stehen bereit, ihn dabei tatkräftig zu unterstützen, und freuen uns auf einen intensiven Austausch.

Der deutsche Sport hat seine Wahl getroffen. Das Zeichen der Geschlossenheit, das von diesem Tag in Baden-Baden ausging, sollten wir nun nutzen, um an einer Bewerbung zu arbeiten, die alle mitnimmt und schlussendlich auch das IOC überzeugt. Dass das mit München als Kandidat gelingen kann, ist für mich keine Frage. Auf alles andere können wir gemeinsam Antworten finden. Die deutsche Athlet*innenschaft steht dafür bereit.

Zur Person: Pia Greiten, geboren am 18. Februar 1997 in Ostercappeln, rudert für den Osnabrücker RV und ist in erster Linie im Doppelvierer aktiv, mit dem sie bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris und bei der WM 2025 in Shanghai die Bronzemedaille gewinnen konnte. Die Sportsoldatin, die Bauingenieurwesen studiert, ist seit November 2025 Vorsitzende der Athlet*innenkommission im DOSB und Präsidentin des Vereins Athleten Deutschland.

 

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